Warum Höflichkeit im Handel heute Kraft kostet, wie Sprache zu Anspruch wurde und weshalb respektvolle Begegnungen dennoch bleiben
Scent News – Zwischen den Düften
Es gibt Sonntage, an denen man spürt, wie viel Energie es inzwischen kostet, höflich zu bleiben. Nicht, weil man sie verlernt hätte. Sondern weil sie einem im Alltag immer seltener begegnet. Dieser Text ist keine Abrechnung und kein Frustventil. Er ist ein Innehalten. Eine Beobachtung aus dem kuratierten Handel, der mit Düften arbeitet – und mit Menschen. Ein Ort für Zwischentöne, Erinnerungen und leise Wahrheiten. Nicht als Gegenentwurf, sondern als Einladung.
Wenn Höflichkeit plötzlich Kraft kostet
Höflichkeit war einmal der niedrigste gemeinsame Nenner. Heute wirkt sie oft wie eine Zusatzleistung. Viele Nachrichten beginnen ohne Anrede, enden ohne Gruß und bestehen ausschließlich aus Forderungen. Der Ton ist knapp, fordernd, manchmal aggressiv. Nicht selten stellt sich im Verlauf der Kommunikation heraus, dass es weniger um ein tatsächliches Problem geht als um den Wunsch nach Rückgabe und Erstattung – auch dann, wenn Produkte bereits benutzt wurden.
Höflich zu bleiben in solchen Situationen ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Es ist eine bewusste Entscheidung. Eine, die täglich neu getroffen werden muss. Ruhig zu antworten, einzuordnen, zu erklären, Grenzen zu ziehen, ohne den Ton zu verlieren. Diese Form der Professionalität ist anstrengender geworden – gerade weil sie immer seltener gespiegelt wird.

Was Einzelhandel einmal bedeutete
Ich weiß, dass ich einer anderen Generation angehöre. Ich habe jahrzehntelang im Einzelhandel gearbeitet, in einer Zeit, in der der Kunde kein Gegner war und kein Anspruchsteller, sondern ein mindestens gleichwertiger Partner. Beratung bedeutete Zuhören. Verkauf bedeutete Beziehung. Das Optimum war erreicht, wenn ein Wunsch verstanden und erfüllt werden konnte – nicht als Serviceversprechen, sondern als gemeinsames Ziel.
Höflichkeit gehörte dazu wie selbstverständlich. Nicht als Technik, sondern als Haltung. Eine Anrede. Ein Gruß. Ein Abschied. Der eigene Name. Kleine Gesten, die zeigen: Hier spricht ein Mensch mit einem Menschen. Diese Haltung habe ich nicht im Beruf gelernt, sondern zu Hause. Und sie hat mich mein gesamtes Arbeitsleben begleitet.
Deine Sprache verrät Haltung
Sprache ist nie neutral. Sie zeigt, wie wir das Gegenüber wahrnehmen. Wer ohne Gruß schreibt, signalisiert Distanz. Wer ausschließlich fordert, etabliert ein Machtgefälle. Wer keine Verantwortung für den eigenen Ton übernimmt, hat sich innerlich bereits aus dem Dialog verabschiedet.
Im digitalen Raum wird das besonders sichtbar. Anonymität senkt Hemmschwellen. Vorformulierte Floskeln ersetzen persönliche Worte. Kommunikation wird effizient, aber leer. Funktion ersetzt Beziehung. Was verloren geht, ist nicht Information, sondern Verbindung.
Zwischen Anspruch und Erwartung
Ein zentraler Wandel liegt im Unterschied zwischen Erwartung und Anspruch. Erwartung lässt Raum. Anspruch fordert ein. Viele Bestellungen werden heute nicht mehr als Entscheidung verstanden, sondern als Option. Rückgabe ist einkalkuliert, Geduld nicht. Jede Abweichung vom Ideal wird als Fehler gelesen.
Diese Haltung erzeugt Druck – auf Händler, auf Service, auf Kommunikation. Sie verändert den Ton nicht abrupt, sondern schleichend. Und sie führt dazu, dass Verantwortung zunehmend ausgelagert wird: an Prozesse, an Systeme, an andere.
Warum Nischendüfte Zeit und Zuwendung verlangen
Gerade im Duftbereich zeigt sich diese Entwicklung besonders deutlich. Ein Duft ist kein technisches Produkt. Er ist subjektiv, emotional, abhängig von Haut, Stimmung und Zeit. Er verlangt Auseinandersetzung. Geduld. Offenheit.
Wer einen Duft wie eine beliebige Testware behandelt, wird ihn nicht verstehen. Wer ihn sofort bewertet, ohne ihm Raum zu geben, verpasst seine Tiefe. Duft ist ein Gegenentwurf zur Sofortlogik. Und genau deshalb kollidiert er so häufig mit heutigen Erwartungshaltungen.
Die unsichtbare Arbeit der Höflichkeit
Was dabei oft übersehen wird, ist die Arbeit, die hinter professioneller Freundlichkeit steckt. Ruhig zu bleiben, wenn der Ton rau wird, ist kein Automatismus. Es ist eine bewusste Leistung. Freundlichkeit im Handel bedeutet, Raum zu geben, auch wenn dieser Raum nicht erwidert wird. Antworten zu formulieren, wo andere nur Forderungen schicken. Grenzen zu setzen, ohne laut zu werden.
Diese Arbeit ist unsichtbar geworden. Sie taucht in keinem Prozessdiagramm auf. Und doch entscheidet sie darüber, ob Austausch möglich bleibt oder Eskalation entsteht, ob aus Kontakt Beziehung wird – oder reiner Konflikt.
Die leisen Gegenbeweise - es gibt sie noch!
Und doch wäre es falsch, hier ein einseitiges Bild zu zeichnen. Es gibt sie weiterhin, diese Nachrichten, die überraschen. Persönliche Mails, freundlich, zugewandt, respektvoll. Zeilen, in denen Dankbarkeit mitschwingt, Verständnis, Geduld.
Man liest sie – und für einen Moment geht einem wirklich das Herz auf. Nicht, weil sie etwas lösen oder einfordern. Sondern weil sie zeigen, dass es auch anders geht. Dass Höflichkeit keine Frage von Alter, Herkunft oder Bildung ist. Sondern eine Entscheidung. Jeden Tag neu.

Eine bewusste Grenze
Zu dieser Haltung gehört auch eine klare Grenze. Wer Höflichkeit für überflüssig hält, wer Kommunikation ausschließlich als Forderung versteht und keinen Wert auf einen respektvollen Ton legt, wird sich bei scent amor vermutlich nicht gut aufgehoben fühlen. Das ist keine Abwertung, sondern eine ehrliche Einordnung.
Es gibt viele Anbieter, bei denen Geschwindigkeit, Austauschbarkeit und maximale Reibungslosigkeit im Vordergrund stehen. Wir gehören bewusst nicht dazu. Wir arbeiten mit Düften, die Zeit brauchen – und mit Menschen, die bereit sind, sich auf einen respektvollen Dialog einzulassen. Auf alles andere verzichten wir gern.
Warum dieser Ton nicht egal ist

Dieser Text ist kein Gegenentwurf und keine Belehrung. Er ist eine Einladung. Eine Einladung, Sprache wieder ernst zu nehmen. Sich der eigenen Haltung bewusst zu werden. Zu verstehen, dass Kultur nicht im Großen zerfällt, sondern im Kleinen – in Mails, in Sätzen, in Auslassungen.
Höflich zu bleiben kann anstrengend sein. Gerade dann, wenn es nicht gespiegelt wird. Und doch lohnt es sich. Wegen dieser Lichtblicke. Wegen dieser kurzen Momente, die zeigen, warum man diesen Weg gewählt hat – und warum man ihn weitergeht.
Vielen Dank fürs Lesen – und bis zum nächsten Mal.

Euer Georg R. Wuchsa - Seele von scent amor
Copyright by scent amor © 2026 (grw)










Hinterlasse einen Kommentar
Alle Kommentare werden vor der Veröffentlichung geprüft.